Ausschnitt * 1. Kapitel Versailles


Paris, Februar des Jahres 1661

   „Keine Sorge, Monsieur LeNôtre, dieser Tag wird für uns alle einzigartig“, rief der Vicomte aufgeregt und beugte sich rasch vor in den flackernden Lichtschein, den eine einzelne, in einem Glas gefangene Kerze in das nachtdunkle Innere der Kutsche warf.

   André LeNôtre sah ihn im Kerzenschein energisch nicken. Er wunderte sich, dass der Vicomte, ein Mensch, mit dem er seit ein paar Augenblicken in einer Kutsche saß, so selbstgerecht daherredete. Woher nahm er die Impertinenz zu glauben, André mache sich Sorgen? Seine Zusammenkunft mit dem König von Frankreich war für André einzigartig, das konnte er nicht leugnen. Aber weshalb sollte er sich Sorgen machen, die der Vicomte durch einen belanglosen Satz dahinzuwischen versuchte? Sein Begleiter erschien ihm ein wenig zu aufgeweckt für die frühe Stunde.


   Obwohl er nur eine Armeslänge entfernt schräg rechts gegenüber auf dem Polster thronte, konnte André ihn, sofern er sich in den Schatten der Sitzbank zurücklehnte, nicht deutlich erkennen. Ein süßlicher Duft drängte seine Gegenwart auf, und dieses kleine, weiße Taschentuch, das er zwischen den Fingerspitzen seiner linken Hand hielt und gelegentlich vor seinem Gesicht hin- und herwedelte. André hatte schon einige Male den Atem angehalten, um nicht auffällig husten zu müssen.


   Er erfuhr von seinem Reisebegleiter in kürzester Zeit und ohne, dass dieser einmal Luft holen musste, mehr als ihm notwendig erschien: dass er Frédéric Noblet heiße, ein Vicomte aus Troyes in der Champagne und vor wenigen Tagen am Hof des Königs in Paris eingetroffen sei; dass er das außer-ordentliche Vergnügen habe, dem ersten Kammerherrn seiner Majestät unterstellt zu sein; dass Monsieur LeNôtre die leichte Nervosität, die er seinetwegen habe, verzeihen möge; dass dieser Tag allein deshalb einzigartig sei, weil ihm die außer-ordentliche Ehre übertragen wurde, den geschätzten André Le Nôtre nach Versailles zu begleiten. André verkniff sich ein spöttisches Grinsen. Das war er also, der einzigartige Moment im Tag des Vicomte. Er konnte sich trotz des Kompliments nicht für seinen aufgeweckten und redseligen Begleiter erwärmen.


   André musste wegen dieser Reise mitten in der Nacht aufstehen, was ihm bereits die Stimmung verdarb. Er hatte ein schnelles Frühstück zu sich genommen, seine Aufzeichnungen und Skizzen sorgfältig in ein Futteral aus geschmeidigem Kalbsleder gerollt und viel zu lange auf die Kutsche gewartet. Dabei fror seine Laune noch weiter ein. Der Kutscher wollte sein wertvolles Futteral mit den gewöhnlichen Packstücken hinter dem Kutschbock vertäuen, doch André hatte ihm mit knapper Geste zu verstehen gegeben, das Vorhaben zu vergessen.

„... der Tag wird für uns alle einzigartig“, hatte der Vicomte gesagt. ‚Wir werden es bald sehen', fuhr es André durch den Kopf und er starrte aus dem Fenster in ein gemächlich der Nacht entgleitendes Paris. Der Himmel nahm einen Hauch des neuen Tages an. Andrés Blick ruckelte im Tempo der Kutsche weiter über das Kopfsteinpflaster und glitt hinter grau- glänzenden Kaimauern über die schwarzen Wogen der Seine. Eine steile Sorgenfalte wuchs zwischen seinen Brauen. Der Nebelschleier, der den Strom im Herzen von Paris wie ein löchriges Netz bedeckte, verhieß nichts Einzigartiges. Die Fahrt nach Versailles dauerte bestimmt zwei Stunden. Zwei Stunden in Gegenwart eines aufgeweckten und redseligen Vicomtes. ‚Habt Dank, eure Majestät', dachte er.


   Vielleicht wäre es in Versailles wärmer? Vielleicht regnete es sogar? Vielleicht schwieg der Vicomte bis zum Ende der Reise? Vielleicht, vielleicht. ‚Welche Aussichten für einen Februar-morgen.‘ André lehnte sich mit geschürzten Lippen in seinem Sitz zurück und schlug die Beine übereinander.


   Den lebhaften Warmblutpferden schien die morgendliche Kälte nichts auszumachen. Sie trabten unermüdlich in rasselnden Geschirren über das Kopfsteinpflaster, stießen mit jedem Atemzug kleine Dampfwolken aus den Nüstern und zogen die prachtvolle Kutsche mit einer Leichtigkeit, als wäre sie ein einfacher Planwagen. Der Kutscher liess die Peitsche knallen, die Pferde zogen das Tempo an und André fand sich plötzlich durchgeschüttelt wie in einer Kogge bei schwerem Seegang. Der Wagen schlingerte, wenn sie in eine weite Kurve bogen, denn er hing nur an breiten Lederschlaufen zwischen den eisernen Achsen. Die mannshohen, mit Eisenringen bereiften Holzräder an der hinteren Achse schlugen auf den Pflastersteinen Krach und machten kultivierte Unterhaltung unmöglich. ‚Zwei Stunden. Vielleicht.‘ Er starrte wieder auf die nebelverhangene Seine.


   Langsam wich die Nacht dem Morgen und gab dem Inneren der Kutsche Konturen. André sah dem Vicomte zu, wie der mit unnatürlich schnellen Handgriffen das Glas von der Kerze hob, neben sich legte, Daumen und Zeigefinger  reichlich mit seiner Zungenspitze anfeuchtete und ohne zu zögern die Kerzen-flamme erstickte. Er brachte es sogar fertig, sich dabei nicht zu verbrennen, denn der Vicomte verzog nicht ein einziges Mal das Gesicht. Er hatte etwas an sich, das nicht von dieser Welt zu sein schien. Es war etwas Animalisches, wenn auch nichts Wildes und Gefährliches. Flink wie ein Wiesel registrierten seine Augen jede noch so vage Bewegung und die Nase ragte lang und spitz hervor wie die einer Wühlmaus. Bei Hofe gab es ungezählte Affären, wo er selbige mit Wonne hineinstecken konnte. Bald senkte der Vicomte den Kopf und rieb seine dünnen Finger eifrig wie eine sich putzende Stubenfliege, bald korrigierte er die Sitzhaltung und zupfte an der unglaublich weit gebauschten Rheingrafenhose herum. Der Hosenrock in Glockenform, ein weißes Ungetüm mit leuchtend gelbem Schößchen und roter Borte, war übersät mit Galants, den bei Gecken und Pfauen  unverzichtbaren Bändern und Ösen. Es waren mehr, als André je an einem gebauschten Stück Stoff oder dem Gewand einer Dame gesehen hatte.


   Monsieur de Noblet, der Vicomte aus Troyes, hielt André währenddessen über den Rand seines Tüchleins im Blick. Sobald André seinen Blick kreuzte, wich er aus. So verbrachten sie eine Weile schweigend miteinander. ‚Wie alt ist der Knabe?’ fragte André sich. ‚18, 20? Er könnte mein Sohn sein’. Instinktiv schüttelte er den Kopf. Unmöglich. Keines seiner Kinder wäre wie der Vicomte gewesen. Wenn er Kinder hätte heranwachsen lassen dürfen. Wieder schüttelte er den Kopf, dieses Mal jedoch, um diesen Gedanken loszuwerden.


   Der Vicomte beugte sich vor und sah auf seine Schuhe. Dort standen, Insektenfühlern gleich, lange Fächer steif ab. Er nickte, zupfte an der Weste und dem darunter hervor quellenden Hemd herum und wedelte ein wenig mit seinem Tüchlein. Ein winziges, pechschwarzes Samtpflästerchen auf der Wange betonte eine künstliche Blässe, die ihn jedoch nicht adelte, sondern eher kränklich aussehen ließ. ‚Was ist das für ein eigenartiger Geruch?‘ André rümpfte die Nase, als erneut ein Schwall der süßlichen Luft zu ihm herüber wehte. ‚Er muss darin gebadet haben.‘ Er zog die Augenbrauen zusammen und überlegte. Maiglöckchen! Der Vicomte roch nach Maiglöckchen. Hatte er sich in einem Beet gewälzt, um so intensiv danach zu riechen? Nicht einmal Monsieur gab sich so weibisch, und über die Eskapaden des Bruders seiner Majestät konnte man nächtelang unterhalten werden.


   Auch André kleidete sich ‚à la mode‘. Die tadellose Erscheinung spiegelte sein Ansehen und die Weisheit seines Alters wider. Niemand sollte ihm etwas Gegenteiliges unterstellen. Pumphosen, die wie Rheingrafenhosen unter dem Knie geschnürt wurden, hatte er zur Genüge. Doch sie waren nicht mit Galants übersät. Seine Weste über dem weißen Hemd war elfenbeinfarben wie die Hose, langärmelig und hochgeschlossen. Von der Hüfte abwärts ließ er die eng untereinander stehenden, winzigen Knöpfe offen, damit die Schöße über den gebauschten Hosenbeinen abstehen konnten und ihn nicht einengten. Heute trug er seinen knielangen Mantel aus mitternachtsblauem Atlas, der sich ungezwungen von der Weste abhob. Die Ärmel hatte er weit umgeschlagen, der Saum reichte bis zum Ellebogen. Die Strümpfe waren schneeweiß, seine Schuhe wie immer sauber und poliert.


   André war groß und kräftig. In seinem kantigen Gesicht zog eine Cäsaren-Nase Blicke auf sich. Seine Gemahlin behauptete oft, die Nase sei wie er: außergewöhnlich dominant. André antwortete ihr dann, er sei wohl außergewöhnlich, aber nicht dominant und liess es dabei bewenden. Seinen Händen sah man an, dass er zupacken konnte, obwohl er jetzt häufiger einen Zeichenstift über das Skizzenpapier führte als Erdreich umzugraben. Er wurde immerhin bald achtundvierzig Jahre alt und für die notwendigen Arbeiten kommandierte er eine Armee von Gärtnern.


   Die pechschwarze Allonge teilte sich über der hohen Stirn und fiel in kunstvoll gedrehten Locken über die Schulter. Wer wollte André daran hindern, eine ordentliche Perücke zu tragen? Er bestand darauf, allerbeste Qualität zu tragen, und nein, er trug niemals eine Rhingrave wie Monsieur oder der aufgeweckte Vicomte.


   „Monsieur“, rief dieser prompt zwischen seine Gedanken. „Ich hörte, ihr erhieltet erst vorgestern die Nachricht seiner Majestät?“

   „Ja.“

   „Den Anliegen seiner Majestät hat jeder allerhöchsten Vorrang zu gewähren.“ Der Vicomte nickte bekräftigend und André nickte gemächlich zurück.

   „Ich bin ja erst seit kurzem in Paris. Ich finde, man übertreibt es hier mit dem Kleiderzwang, nicht wahr?“

   André zog überrascht eine Braue hoch. Die Unterhaltung versprach interessant zu werden, zumal er sich wenige Augenblicke zuvor eine Meinung dazu gebildet hatte. „Wie genau meint ihr das?“ fragte er und versuchte, noch interessierter zu klingen als er tatsächlich schon war.

   „Die Höflinge, die seine Majestät jeden Tag belagern, Monsieur. Habt ihr sie schon einmal gesehen? Sie staffieren sich aus wie Pfaue und stolzieren umher.“ Frédéric hob das Kinn und warf ein verächtliches ‚pah‘ in die Kutsche. Es vermengte sich mit den Maiglöckchen und verflüchtigte sich zögernd.

   „Und ihr wollt euch diesem Diktat nicht unterwerfen“, erwiderte André amüsiert und betrachtete ihn betont aufmerksam von der Allonge bis zu den Schuhfächern.

   „Niemals Monsieur“, stieß der Vicomte hervor. „Ich habe sofort nach meiner Ankunft gesehen, was der echte Kavalier bei Hofe trägt. Ich erkenne sofort, wer ‚à la mode‘ gekleidet ist und wer versucht, den großen Stil nachzuahmen. Am ärgsten trifft es doch die Herren aus den ärmlichen Provinzen, nicht wahr, Monsieur? Man sieht sofort, wer sich die besten und teuersten Gewandschneider und Perruquiers leisten kann.“

   „Da habt ihr gewiss recht“, antwortete André, lehnte sich zurück und strich zufrieden über seine Weste.

   „Und ihr, Monsieur?“

   „Wie bitte?“

   „Seit wann seid ihr in Paris?“

   „Ich wurde in Paris geboren“, brummte André und saß augenblicklich senkrecht. Er war so verblüfft über die simple Frage, dass er geantwortet hatte, ohne sich dessen bewusst zu sein. Was fiel dem Vicomte ein, ihn zu fragen, woher er kam? Hatte er nicht erkannt, dass André ein echter Parisien war? Die zu Schlitzen verengten Augen Frédérics schienen ihm viel zu viel sagend und seine Unachtsamkeit ärgerte ihn. Diese Unter-haltung hatte viel versprechend begonnen und sich gewandelt.

   „Ich benutze ständig Calèchen, auch damals in Troyes, doch so übel wie jetzt ist mir noch nie geworden", jammerte der Vicomte nach einiger Zeit des Schweigens. Seine Hände bebten und das schlaff herab hängende Ende des seidenen Tüchleins zitterte leise mit ihm. „Dem Herrn sei Dank, wir sind gleich da.“ André blickte aus dem Fenster auf der linken Seite, doch der Vicomte hob träge die Hand und wies auf die andere. „Dort, das Val-de-Galie.“

   André rückte hinüber und sah aus dem Fenster. In dem Moment erreichten sie ein hohes, schmiedeeisernes Tor. Die Frühlingssonne schien von einem wolkenlosen Himmel, das Licht brach sich im goldenen Portalaufsatz, dem gleißenden Königswappen mit den drei Lilien der Bourbonen, und blendete ihn kurz. Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel. ‚Es ist soweit', dachte er. Bald zeigte sich, ob seine Referenzen genügten, denn der König wog ab und seine Entscheidung wies den Weg, den Andrés Karriere nahm.

   Während sie langsam durch das Portal rollten, beugte sich André vor, öffnete das Fenster und sofort strömte kühle Luft herein. Er atmete auf und fühlte sich erfrischt. Er war im selben Moment bereit, Louis XIV. seine Pläne des aufsehen-erregendsten Gartens der Welt zu präsentieren. „Es wird ein einzigartiger Tag“, sagte er und hob das Kinn.

   „Was sagtet ihr, Monsieur LeNôtre?“ Der Vicomte kauerte in seiner Ecke und war trotz der frischen Luft, die durch das geöffnete Fenster wehte, weiß im Gesicht wie eine frisch gekalkte Wand.

   „Es ist gleich geschafft.“ André betrachtete ihn mitleidig und beschloss, ihn wenigstens in Gedanken Frédéric zu nennen. „Vielleicht solltet ihr von Kutschfahrten zu früher Stunde Abstand nehmen?“

   „Absolut unmöglich, Monsieur!“ Frédéric fuhr aus dem Sitz hoch, stieß „Seine Majestät“ hervor, hielt sich abrupt die Hand vor den Mund und schluckte zwei-, dreimal mit weit aufgerissenen Augen. André sah ihm an, dass der aufsteigende Brechreiz einen ätzenden Geschmack hinterließ. Die Kutsche schwankte leicht, bevor sie stehen blieb, die polternden Räder und schlagenden Hufe verstummten augenblicklich, Frédéric ruckte unsanft zurück und stöhnte. Lakaien rissen die Tür auf, stellten den Tritt bereit. André erhob sich, legte dem Vicomte eine Hand auf die Schulter und nickte ihm aufmunternd zu. Dann nahm er sein Futteral, stieg aus der Kutsche und holte tief Luft....


Aufsatz am Portal des Schlosses von Versailles

Amalia Koslowski, 9/2007